Weltwassertag 2026: water and gender. Wie bitte??!

veröffentlicht am 20. März 2026

Weltwassertag 2026: Was Menstruationshygiene, Kanalrohre und Pflanzenkläranlagen verbindet

Zum Weltwassertag 2026 und seinem Motto „Wasser und Geschlecht“: zwei Bilder, die zusammengehören – auch wenn eines davon aus einer deutschen Kläranlage stammt.

Es gibt zwei Bilder, die mich in diesem Jahr nicht loslassen.

Das erste stammt aus meiner Tageszeitung: Eine Frau in einem Dorf im subsaharischen Afrika verlässt nachts das Haus, um sich zu waschen. Keine Toilette. Kein fließendes Wasser. Keine Privatsphäre. Ihre Periode ist für sie kein physiologisches Ereignis, das sie in Ruhe managen kann, sondern ein logistisches Problem, das sich an mindestens fünf Tagen jedes Monats neu stellt – lösbar nur mit dem, was gerade da ist. Und das ist meistens fast nichts.

Das zweite Bild: ein verstopftes Pumpwerk in einer deutschen Kläranlage. Die Ursache sind Feuchttücher, Slipeinlagen, Hygieneprodukte – alles, was hier unachtsam und wie selbstverständlich die Toilette hinuntergespült wird, obwohl es dort nichts verloren hat. Fettberge, Mikroplastik, Schäden in Millionenhöhe.

Beide Bilder gehören zum selben Thema. Und beide gehören zum Motto des Weltwassertags am 22. März 2026.

Weltwassertag 2026: Wasser und Geschlecht – ein Motto, das nicht an der Grenze endet

„Water and Gender“, Wasser und Geschlecht, lautet das offizielle Thema. Der Kampagnensatz der Vereinten Nationen dazu: Where water flows, equality grows. Wo Wasser fließt, wächst Gleichberechtigung.

Wer das zum ersten Mal liest, denkt vielleicht an Entwicklungspolitik. An ferne Länder, an strukturelle Ungleichheiten, die weit weg sind. Die Gleichzeitigkeit der beiden Bilder zeigt etwas anderes: Das Thema beginnt hier. In unseren Rohren. In unseren Planungsbüros. In den Fragen, die wir stellen – und in den Fragen, die wir vergessen.

Ich schreibe das als jemand, der seit über 30 Jahren Abwasser plant und der über Menstruationshygiene nicht aus eigener Erfahrung sprechen kann. Genau das ist der Punkt, um den es an diesem Weltwassertag geht.

Wer nicht am Tisch sitzt, wird nicht mitgeplant

Die Weltbank schätzt, dass rund 500 Millionen Menschen weder Zugang zu Menstruationsprodukten noch zu angemessenen sanitären Einrichtungen haben, um ihre Periode sicher zu bewältigen. An jedem beliebigen Tag menstruieren weltweit über 300 Millionen Frauen. Was fehlender Zugang praktisch bedeutet: Schulunterricht, der ausfällt. Bewegungsfreiheit, die schrumpft. Infektionsrisiken, die steigen. Würde, die verhandelt werden muss.

Gleichzeitig ist die Wasserwirtschaft – die Disziplin, die darüber entscheidet, ob und wie Wasser fließt, gereinigt wird und wohin es geht – eine der am wenigsten diversen Branchen überhaupt. Weniger als eine von fünf Beschäftigten in Wasserversorgungsbetrieben ist eine Frau. In den untersuchten Betrieben liegt der Frauenanteil bei den zugelassenen Ingenieurinnen und in der Führung jeweils bei 23 Prozent; ein knappes Drittel der Betriebe beschäftigt keine einzige Ingenieurin.

Das ist kein Zufall, und es ist kein Randproblem. Wer nicht am Tisch sitzt, wenn geplant wird, dessen Bedürfnisse werden nicht mitgeplant. So einfach ist das.

Schilf, Kies, Mikroorganismen

Ich arbeite in einer kleinen Arbeitsgruppe – vier Solopreneure, die sich mit naturnaher Abwasserreinigung beschäftigen. Mit Pflanzenkläranlagen. Mit geschlossenen Wasserkreisläufen. Mit Lösungen für Orte, die kein Kanalnetz kennen und in absehbarer Zeit auch keines bekommen werden.

Was wir bauen, ist technisch wenig spektakulär: Schilf, Kies, Mikroorganismen, mehrere Bodenschichten. Kein Hochdrucksystem, keine KI, kein Energiehunger, keine komplexe Wartung. Wasser wird bei uns so gereinigt, wie Ökosysteme es seit Jahrtausenden tun – langsam, schichtweise, rhythmisch. Am Ende steht sauberes Wasser.

Eine funktionierende Toilette, gereinigtes Abwasser, ein geschlossener Kreislauf: Das ist kein Luxus. Das ist die Grundlage dafür, dass ein Mädchen in die Schule gehen kann. Dass eine Frau nachts sicher ist. Dass eine Gemeinschaft ihre Gesundheit nicht dem Zufall überlässt.

Dezentrale Lösungen als struktureller Beitrag zur Gleichstellung

Hier verbinden sich die beiden Bilder. Naturnahe Sanitärlösungen sind nicht nur eine technische Alternative zum Kanalnetz. Sie sind ein struktureller Beitrag zur Gleichstellung – weil sie dort funktionieren, wo zentrale Infrastruktur endet. Weil sie wartungsarm genug sind, um ohne externes Expertenwissen zu laufen. Weil sie erschwinglich genug sind, um auch in Regionen zum Einsatz zu kommen, die sonst schlicht vergessen werden.

Nicht: Frauen sind Opfer der Wasserkrise. Sondern: Wasserlösungen, die alle einschließen, entstehen nur dann, wenn alle an ihrer Entwicklung beteiligt sind.

Drei Konsequenzen

Wasser ist kein neutrales Gut. Wer Zugang hat, wer nicht, unter welchen Bedingungen und mit welcher Würde – das sind Geschlechterfragen. In Tansania. In der Ukraine. Und auch in einer abgelegenen Gemeinde in Bayern, wo der nächste Kanal zwanzig Kilometer entfernt liegt.

Planungsteams müssen diverser werden. Nicht als Zugeständnis, sondern weil unterschiedliche Perspektiven zu besseren Fragen führen – und bessere Fragen zu besseren Lösungen. Das ist keine Theorie, das ist Erfahrung aus dreißig Jahren Projektarbeit.

Und dann gibt es den Punkt, den jede und jeder heute umsetzen kann: Keine Feuchttücher in die Toilette. Auch nicht die, auf denen „flushable“ steht. Hygieneprodukte gehören in den Restmüll.

Warum der dritte Punkt größer ist, als er klingt

Er klingt klein. Ist er nicht. Hamburg Wasser zählte 2008 noch 42 Störungseinsätze an Pumpwerken; 2022 waren es 387 – mit Kosten von über 230.000 Euro, allein in einer Stadt, allein in einem Jahr. Verstopfte Pumpen, Kanalschäden und Mikroplastik in Gewässern sind das direkte Ergebnis einer einzigen Gewohnheit. Und diese Gewohnheit betrifft Kläranlagen von Berlin bis Bangalore.

Wasser verbindet alles: den Kreislauf im Boden und den Kreislauf im Körper. Die Entscheidung am Planungstisch und den Zugang am frühen Morgen. Das, was wir selbstverständlich wegspülen, und das, wofür andere jeden Tag kämpfen.

Der Weltwassertag erinnert uns einmal im Jahr daran. Das reicht nicht.


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Quellen